
Die im Jahre 2002 restaurierte Kanzel ist ein herausragendes Werk aus der Renaissance-Zeit. Sie ist am nördlichen Vierungspfeiler angebracht und datiert aus dem Jahre 1581. Diese Zahl findet sich in einem Medaillon, das auf dem Schalldeckel angebracht ist. Dort ist auch die Signatur "HS" zu entdecken, die dem Holzbildhauer zugeschrieben wird. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich hier der Stifter, der damalige Bürgermeister Hans Staes, samt Porträt verewigen ließ. Der Künstler selber hat seine Signatur "HS" bescheidener im unteren Teil der Sündenfall-Szene am Kanzelaufgang angebracht. Es handelt sich um einen nicht sicher nachgewiesenen braunschweigischen Holzbildhauer Hans Seek.
Außen am Treppenaufgang und an der Kanzelbrüstung zeigen acht fein gearbeitete Reliefdarstellungen biblische Szenen (Erklärung: siehe unten). Unterhalb dieser Darstellungen deuten lateinische Inschriften jeweils das Gezeigte. Latein war bis weit in das 17. Jh. hinein in der Marktkirche die Sprache vieler Gesänge, so dass deren Verwendung nicht verwundern muss. Die am oberen Rand der gesamten Brüstung durch vergoldete Holzbuchstaben hervorgehobene Inschrift dagegen - ein Zitat in Anlehnung an Habakuk 2, Vers 1 - ist in frühneuhochdeutscher Sprache verfasst: "HIE STEHE ICH VF MEINER WARTE VND TRETE VF MEINE FESTE GEBE ACTVNG DRVF WAS MIR VOM HERN GESAGT WIRT AN DIE FROMEN VND AN DIE GOTLOSEN". Dieses Wort ist als Schlüssel zum Verständnis der reformatorischen Aussage der Kanzel anzusehen. Denn die Antwort bei Habakuk (Kapitel 2, Vers 4) heißt: "Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben". Dieses Wort spielt bei Paulus (Römer 1, Vers 17) und bei Luther - und damit für die Reformation - eine entscheidende Rolle.
Die bei Habakuk von Gott erbetene und gegebene Antwort wird auf den Bildern anschaulich gemacht: es ist die auf Christus konzentrierte Heilsgeschichte nach dem Sündenfall. Das Wort GOTLOSEN steht beziehungsreich über Adam und Eva. Es dürfte kein Zufall sein, dass beide eine Frucht in der Hand halten: Jede und jeder steht als Individuum vor Gott und kann die Schuld nicht anderen zuweisen. Unter dem Bildfeld steht programmatisch: "In Adam sterben wir alle, in Christus werden wir lebendig gemacht". Im zweiten Bildfeld erscheint Johannes der Täufer als letzter Bote des "Alten Bundes" und als Vorläufer Jesu. Die weitere Reihenfolge ist nicht historisch, sondern nur theologisch begreifbar: In der Begegnung von Maria und Elisabeth treffen sich die alttestamentliche Verheißung und die neutestamentliche Erfüllung, verstärkt durch das Symbol des Baumstumpfes, aus dem ein neuer Ast hervorwächst. Ab dem vierten Bildfeld - "historisch" gesehen müsste es das zweite sein - wendet sich der Zyklus ganz der Person Jesu Christi zu. Beginnend bei der Ankündigung der Geburt an Maria, sind die Geburt, die Kreuzigung, die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu dargestellt. Schließlich ist auf dem - nicht mehr vollständigen - Schalldeckel auch das Weltgericht dargestellt, zu dem Christus gemäß Apostelgeschichte 7, Vers 49 und Offenbarung 4, Vers 3 auf dem Regenbogen thront. Damit werden dem Betrachtenden die wesentlichen Heilstatsachen, wie sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis verbindlich formuliert sind, vor Augen geführt.
Rechts und links über den Arkaden der Reliefs am Kanzelkorb befinden sich Darstellungen der Tugenden: (v.r.n.l.:) Klugheit, Demut, Hoffnung, Glaube, Gerechtigkeit, Liebe, Mäßigkeit und Tapferkeit. Die Hermaphroditen (männlich-weibliche Wesen), die den Kanzelkorb "tragen", sind möglicherweise Sinnbilder für den erlösten "vollkommenen" Menschen.