
Nach dem Motto "Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah! (frei nach Goethes Gedicht Erinnerung)" hatte sich die Marktgemeinde in dieser Ausstellung den Künstlern aus der hiesigen Region gewidmet und ihnen Ort und Forum zur Präsentation ihrer Werke gegeben.
In der Eröffnungrede zu der Vernissage wies Pfarrer Ralph Beims auf die Bedeutung dieser Bilder für die Kirche und ihre Beziehung zu dem Motto "Leben und Tod" hin.
Bilder von der Schöpfung (Barbara Klix, Hohegeiß - Leben und Tod III) über Tod (Wolfgang Spittler, Alt Wallmoden - Grablegung) bis hin zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte (Helmut Lingstädt, Salzgitter - Erinnern) finden sich hier wieder.
Eine bemerkenswerte, unbedingt sehenswerte Ausstellung.
Bemerkenswert war aber auch, dass es der Marktgemeinde in Zeiten der allgemeinen Teuerung gelungen ist, ganz in christlicher Art, einen kleinen Ausstellungskatalog für nur 1,00 Euro anzubieten!
Die Künstler |
Die Kunstinteressierten |
Werner Reiche, Goslar - Reise |
Hans Manhart, Bad Harzburg - Die Tafeln der 40 Köpfe |
Hans Manhart, Bad Harzburg - Die Vergänglichkeit der Dinge |
Wolfgang Spittler, Alt Wallmoden - Grablegung |
Barbara Klix, Hohegeiß - Leben und Tod III |
Helmut Lingstädt, Salzgitter - Erinnern |
"For Gods Sake" - "um Gottes Willen" eine deutsche Übersetzung, die durchaus einen doppelte Bedeutung hat aber eben - und das ist wichtig - den religiösen Bezug der Exponate deutlich ausweist. Für Jason Martin war es nicht eine Nebensächlichkeit, sondern wesentlich für die gesamte Ausstellung, dass diese Brücke vom Museum zu einem sakralen Raum zustande kam. Solch ein Brückenschlag vom Mönchehaus-Museum zur Marktkirche ist für uns ja nicht neu, sondern hat bereits eine längere Geschichte:

Ich erinnere an die Schreiter-Zeichnungen, die als Dauerleihgaben das Amsdorfhaus zieren. Spektakulärer sicherlich die Pendel-Installation des Künstlers axs 84, zweimal - im Nordturm der Marktkirche.

Dort waren auch die gefalteten Hände von Kriester zu sehen. Und ich denke an das Goslar-Painting 2000 von Badur, das bis heute als Schenkung des Mönchehauses im Nordschiff der Kirche zu sehen ist.
Die Marktkirche Goslar ist in gewisser Weise an sich schon ein Beitrag zum Thema "Kunst und Kirche" aus evangelischer Sicht:
Hier begegnen sich Kunstwerke aus unterschiedlichen Jahrhunderten mit dem Kunstausdruck unserer Zeit. Das künstlerische Niveau und die Intensität der Auseinandersetzung mit dem Glauben sehen wir dabei als Maßstab und Verpflichtung.
So ist es die aktuelle künstlerische Herausforderung einen zeitgemäßen und doch traditionsgebundenen und authentischen Prospekt für die Neugestaltung unserer Orgel zu entwerfen. Auch die dann wieder frei sichtbare Fensterrosette in den Abmessungen der Gotik wird selbstverständlich zeitgenössisch neu gestaltet.
Zudem heißt es im Leitbild der Marktgemeinde, dass sie Gastgeberin sein will für Kirchenmusik und (eben) Kunst. So ist in den vergangenen Jahren immer wieder zeitgenössische Kunst hier zu Gast gewesen und hat für Infragestellungen und Diskussion gesorgt. Was will man mehr?
Am 1. März werden wir hier an gleicher Stelle eine von der Marktgemeinde selbst veranstaltete Ausstellung eröffnen. Sie trägt den schlichten Titel "Tod und Leben" - und sie erstreckt sich in ihrem Ausstellungszeitraum bewusst über Karfreitag und Ostern hinweg und zeigt die Sicht von Tod und Leben von 11 Künstlerinnen und Künstlern aus der größeren Region Goslar.
Die in Berlin lebende Elvira Bach, die in New York wie in Kopenhagen, Venedig oder Zürich ausstellt, gehört zu den bekanntesten deutschen Malerinnen. Gleichzeitig ist sie eine der wenigen Malerinnen, deren Thema die Frau ist, die selbstsichere "starke Frau" von hoher erotischer Präsenz, oft mit der Schlange als Attribut.
Elvira Bach stellt jetzt zum vierten Mal in der Stubengalerie Goslar und zum ersten Mal in der Marktkirche aus. Hier kommt es zwischen den zeitgenössischen und den alten Kunstwerken aus der Zeit der Romanik bis zum Historismus zu interessanten Begegnungen. Im Vergleich mit den Evastöchtern Elvira Bachs wirken ihr Vorbild mit dem Paradiesapfel und der Schlange am Kanzelaufgang von 1581 ausgesprochen sittsam.
Ihre Bilder haben nach eigenem Bekunden immer mit ihrem Leben und seinen verschiedenen Stationen zu tun. Deswegen agiert sie - genau wie die Goslarer Kaiserringträgerin Cindy Sherman - als ihr eigenes Modell. Kennzeichnend sind die buschigen Augenbrauen und die mandelförmigen Augen, auffällig auch die starken Arme und die großen Hände, die schrille Aufmachung, die Stilettos, die "Wehrhaftigkeit" andeuten, unübersehbar die erotische Komponente. Diese selbstsicheren Frauen wissen um Sieg und Niederlage, sie sind archetypische, überzeitliche Wesen. Das wird deutlich im Malgestus von Elvira Bach, in dem sie ihre Frauengestalten fast plakativ auf die wesentlichen Formen reduziert. Elvira Bach wurde auf der Documenta 1982 als "Junge Wilde" stürmisch feiert, und hat sich als eine der wenigen dieser Gruppe durchgesetzt, Bis heute hat sie unbeirrt von Modetendenzen und Zeitströmungen an den Grundzügen ihres Malstils festgehalten.
Das Besondere dieser Ausstellung ist der unterschiedliche Entstehungszeitraum der Bilder, die durchaus Entwicklungslinien erkennen lassen. Da mögen die Frauen noch so Bild beherrschend sein, in ihren Augen lassen sich, was die jüngeren Werke anbelangt, Trauer und Zweifel im Blick ablesen. Die früher die kräftigen Schultern noch unterstreichenden schwarzen Umrandungen treten zurück, die Farben haben wie bei dem Bild "Mit Wassergefäßen" (Querschiff) fast pastellenen Charakter oder werden im Bild "Anbetung" (am Weltkugel-Kerzenleuchter) stark zurückgenommen. Die Betende wie die "Leseratte" (Südschiff) haben einen nach innen gekehrten Blick und wirken wie Symbolfiguren für den Titel der Ausstellung "Meditationen". Das Bild "Rotes Kreuz" (Nordschiff) lebt aus dem mit großzügig weißen Linien stark konturierten schwarzen Untergrund und dem Roten Kreuz als einem Signalgeber. Die beiden Familienbilder "Psalm" und "Innig" im nördlichen Seitenschiff wiederum fallen in ihren dunklen und warmen Erdfarben, die Verbundenheit und Nähe der Familie charakterisieren, aus der für die Malerin üblichen Farbpalette heraus. Wirkungsvoll auch der Kontrast in dem fast schwarzen, an afrikanische Kunst erinnernden Bild "Wo Kinder sind, da ist ein Goldenes Zeitalter" (Nord-Seitenschiff), mit der mit Händen zu greifenden Freude über das Kind vor einem aufhellenden Horizont.
Vitalität und Sinnenlust bestimmen Elvira Bachs Frauen, die in dieser Beziehung eine engere Bindung zu den Frauen des Alten Testaments als denen des neuen Testaments haben. Auch wenn Elvira Bach kaum religiöse Themen im engeren Sinn gestaltet, wird deutlich, wie stark das von der Künstlerin zitierte "Leben" religiöse Dimensionen einschließt. So tauchen christliche Symbole wie Herz, Anker und Kreuz auf, wenn auch in der ungewohnten Form von Ohrringen. Anfänglich sah sie in ihnen vermutlich Embleme für Leichtgläubigkeit, Verliebtheit und blauäugiges Hoffen, in letzter Zeit gewinnen sie jedoch im Sinn der christlichen Botschaft die Bedeutung von Glaube, Liebe und Hoffnung: "Beständigkeit in der Zeit der Beliebigkeit" (Rainer Schossig). Beherrschend prägen diese Embleme den ornamental bemalten Körper im Bild "Glaube, Liebe, Hoffnung", (Südschiff). In einem in seiner farblichen Brillanz faszinierendem Werk mit glühendem Rot vor einer strahlend gelben Sonnenscheibe (Hoher Chor) erinnern sie von Ferne an Herz-Jesu-Bilder. Es wirkt wie ein Symbol für Vertrauen und "Auferstehung". Mit dem Titel "Kreuzweg" für das riesige Bild an der gegenüberliegende Wand wird mancher Betrachter Schwierigkeiten haben, denn ein Zusammenhang mit der christlichen Ikonographie lässt sich kaum herstellten. Vielmehr geht es um die Darstellung verschiedener Lebensstationen.
Die Schlange gehört zu den Lieblingsattributen der "Bach-Frauen" .Sie windet sich lustvoll am Körper der Frau oder endet in deren Haaren wie im einzigen farbintensiven Glasbild dieser Ausstellung (Querschiff) Die Schlange kann Schutzgeist und Wächterin, Verführerin und Todesbotin sein, aber im Gegensatz zu ihrem biblischen Vorbild im Paradies scheint bei Elvira Bach die Frau die Schlange zu bezwingen und nicht umgekehrt. Für die Malerin hat sie auch Wesensverwandtes mit der Frau. Interessant, dass in der Ausstellung der Stubengalerie in einer Bildserie die Katze mit menschlichem Gesichtsausdruck an der Stelle der Schlange diese Wesensverwandtschaft zum Ausdruck bringt.
Die Ausstellung in der Marktkirche ist in Kooperation mit der Stubengalerie an der Abzucht entstanden. Dort runden unter anderem die bisher in Goslar noch nicht gezeigten originellen Collagen die breite Schaffenspalette der Malerin ab.
Dr. Ursula Müller
Am 11.11.07 ging eine Ausstellung zu Ende, über die gesprochen wurde. Einige waren begeistert, andere empört! Die Kritik ging vor allem im Grunde in zwei Richtungen. Zum einen wurde moniert, dass in der Marktkirche diese relativ freizügigen Bilder zu sehen waren. Zum anderen wurde in Frage gestellt, dass es überhaupt Ausstellungen in Kirchen geben soll.
In der Tat muss es sicherlich nicht in jeder Kirche Ausstellungen geben. Doch die Marktgemeinde Goslar sieht die Marktkirche nicht allein als Gemeindekirche, sondern auch als "offene Kirche für Gäste und Kultur", wie es in ihrem Leitbild formuliert ist. Es gehört darüber hinaus unserer Meinung nach zum Wesen einer "öffentlichen Kirche", dass sie auch auf diese Weise am Leben und an den Diskussionen in der Gesellschaft teilnimmt. Die Ausstellung "Meditationen", die Bilder von Elvira Bach zeigt, war so zu verstehen. Damit ist sicherlich für manch einen die Härte verbunden, dass für eine bestimmte Zeit auch Bilder gezeigt werden, die nicht gefallen. In der Tat, denke ich, ist es immer wieder ein Balance-Akt, Kunstwerke in einer Kirche so präsentieren, dass Besinnung und Einkehr möglich bleiben. Das wird der Kunstausschuss der Marktgemeinde in Zukunft sehr ernst nehmen.
Ralph Beims