Die Renovierung der Schuke-Orgel


Auftaktveranstaltung: Patenschaften zur Orgelrenovierung

Die Orgel ist ein wichtiger Teil der Marktkirche Goslar, die als Citykirche inmitten der Goslarer Altstadt jährlich von vielen tausend Gästen besucht wird. Sie spielt sowohl im geistlichen als auch im kirchenmusikalischen Leben der Altstadt und der Umgebung eine bedeutende Rolle: in der Verkündigung des Evangeliums in Gottesdienst und Kirchenmusik und zugleich als eines der wichtigsten Instrumente für Orgelkonzerte. Die Orgel erfreut die Besucher der Marktkirche nicht nur in jedem Gottesdienst mit Musik, sondern auch zu Andachten, Konzerten und vielen weiteren Veranstaltungen.

Im Jahre 1989 wurde die Orgel zu letzt gereinigt und technisch überholt. Sie ist in einem funktionstüchtigen Zustand, hat aber folgende ernste Mängel:






  1. Die Orgel ist sehr stark verschmutzt: Schmutz und Staub behindern die Intonation und führen zur Verstimmung der Orgel. Das Innere des Gehäuses weist außerdem starken Schimmelpilzbefall auf und an den Zungenköpfen der Zungenpfeifen ist Bleizucker feststellbar.
  2. Das elektronische Kombinationssystem der Orgel ist veraltet, bei den Schaltern der freien Kombinationen gibt es immer häufiger Ausfälle, Ersatzteile sind nur noch schwer oder gar nicht mehr zu bekommen. Insgesamt sind die aufführungspraktischen Möglichkeiten mit der jetzigen Setzeranlage begrenzt.
  3. Im Gesamtklang der Orgel gibt es eine deutliche Unausgewogenheit: Den wenigen Grundstimmen, die insgesamt zu wenig Tragfähigkeit haben, stehen viele Oberstimmen gegenüber, die zu stark und zu scharf intoniert sind.
    Das bedeutet, es dominiert eine hohe Obertönigkeit gegenüber einer zu schwach ausgeprägten Grundtönigkeit.
    Es fehlt ein höherer Anteil von Flöten- und Streichregistern.
    Es gibt relativ viel Ansprachgeräusch.

Dieser Grundcharakter der Orgel ist typisch für Orgeln aus dieser Zeit. In den 60/70er Jahren, der Hochphase der sog. Zeit der Orgelbewegung, wollte man sich von romantischen Orgeln abwenden und an den Klang der Barockorgeln anlehnen. Durch die damaligen Intonationstechniken entstand jedoch ein ganz neuer Orgelklang, der keine geschichtlichen Vorbilder hat, weder bei den barocken noch bei den romantischen Orgeln. Bei dieser als neobarock bezeichneten Art von Intonation wird daher das stilistisch adäquate Spiel von großen Bereichen der Orgelliteratur behindert. Es gibt drei Bereiche, die bei der Renovierung bedacht werden sollen: Generalreinigung, technische Überarbeitung und Verbesserung und Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten der Orgel.
  1. Generalreinigung

  2. Bei der Generalreinigung soll das gesamte Pfeifenwerk abgetragen und das Innere der Orgel gründlich von Staub und Schmutz befreit werden. Der Schimmelpilz wird abgewaschen und die Holzflächen werden als Schutzmaßnahme mit Borsalzlösung eingestrichen. Der Bleizucker an den Zungenköpfen der Zungenpfeifen wird ebenfalls entfernt. Das Orgelgehäuse wird von innen und außen gesäubert. Außerdem sollen weitere vorbeugende Maßnahmen getroffen werden.

  3. Technische Überarbeitung

  4. Es soll eine moderne Setzeranlage mit 4000 Setzerkombinationen und USB-Speichermöglichkeit eingebaut werden in Kombination mit dem Einbau neuer Registerschalter. Dadurch werden die Registrier-möglichkeiten wesentlich verbessert: im Gottesdienst und im konzertanten Spiel können schnelle und zahlreiche Registerwechsel zur differenzierten musikalischen Darstellung vollführt werden.

  5. Verbesserung und Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten

  1. Die neobarocke Intonation soll ausbalanciert werden: die übertriebenen Schärfen werden gemildert und die zu schwach ausgeprägte Grundtönigkeit wird gestärkt. Außerdem soll eine geringfügige Dispositionsänderung in den bestehenden Werken vorgenommen werden und die klanglichen Möglichkeiten dadurch wesentlich verbessert werden.


  2. Die Klangfarbenbereiche und dynamischen Möglichkeiten sollen erweitert werden: Das ist mit einem zusätzlichen Werk sowohl stil- und instrumentengerecht als auch technisch am besten zu realisieren. Deshalb soll ein Schwellwerk mit entsprechend romantisch disponierten und intonierten Registern eingebaut und mechanisch an das III. Manual angehängt werden. Für dieses zusätzliche Werk mit etwa 13 Registern ist an nicht einsehbarer Stelle über der Pedallade hinter der Orgel ausreichend Platz vorhanden. Durch diese Erweiterung wird es möglich, die gesamte Orgelliteratur einigermaßen stilgerecht und klanggetrau darstellen zu können, und damit den Anforderungen und Erwartungen der heutigen Kirchenmusik- und Konzertpraxis an ein Instrument dieser Größe und an solch exponierter Stelle zu entsprechen.
Die Orgel soll sowohl technisch als auch klanglich für die nächsten Jahrzehnte bzw. die nächste Organistengeneration "fit" gemacht werden. Die Marktgemeinde und die Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke als Erbauer der Orgel sind daran interessiert, die Qualität dieses Instrumentes über die Zeiten zu halten, gerade auch wenn es dabei um Anpassung an sich verändernde Klangvorstellungen geht. Die Renovierung in technischer und klanglicher Hinsicht bedeutet neben der Werterhaltung und Funktionssicherheit durch die geplante Erweiterung der Orgel auch eine vorzügliche Wertsteigerung des Instrumentes.

Daneben wird darüber nachgedacht, die Renovierung als Gelegenheit zu nutzen, um die Orgel auch optisch ein wenig zu verändern. Es gibt verschiedene Überlegungen, u.a. zur Verwendung von Schleierbrettern (zum Auskleiden der freien Flächen über den Pfeifen im Orgelprospekt) oder zur farblichen Angleichung an den Kirchenraum durch Anstreichen der Orgel. Diesbezüglich werden Gespräche zwischen der Marktgemeinde, der Orgelbauwerkstatt und den Architekten des Baureferats des Landeskirchenamtes geführt.

Die Orgeln der Marktkirche Goslar
  1. Die Sperling-Orgel (1721-1844)


  2. Über diese Orgel wissen wir nur wenig. Sie fiel bei dem Kirchenbrand im Jahre 1844, der vor allem die Türme und die Langhaus-Dächer der Marktkirche zerstörte, den Flammen zum Opfer. Bei der Einweihung der wieder hergestellten Marktkirche am 23.9.1849 äußerte sich der Superintendent und I. Prediger an der Marktkirche D. Henrici wie folgt über die fünf Jahre zuvor zerstörte Orgel:

    "Dieses herrliche Kunstwerk, das zu den besten Orgeln in Deutschland gehörte, war von dem Orgelbauer Sperling in den Jahren 1719-1721 erbauet. Nur wenige Pfeifen wurden von einigen entschlossenen Orgelfreunden noch zur rechten Zeit der Flamme entrissen; doch wurde nachher das geschmolzene Orgelgut durch ein sorgsames Verfahren zum größten Teile gerettet und zu der neuen Orgel benutzt."

  3. Die Engelhardt-Orgel (1850-1970)


  4. Nach dem Brand war man "vorzüglich ... darauf bedacht, dem Bedürfnisse und verwöhntem Geschmacke der Marktgemeinde einen Ersatz für die zerstörte herrliche Orgel zu geben", heißt es nach D. Henrici. So wurde der Orgelbaumeister Johann Andreas Engelhardt aus Herzberg mit dem Bau einer neuen Orgel beauftragt. Die Firma Engelhardt war im 19. Jahrhundert von überregionaler Bedeutung, zwischen 1830 und 1873 wurden von ihr mehr als 100 Orgeln erbaut oder umgebaut, von denen einige bis heute noch vollständig bzw. teilweise erhalten sind (u.a. in Osterode, Mechtshausen, Jerstedt und Herzberg). Zwischen 1847 und 1850 baute Engelhardt die in Auftrag gegebene neue Orgel für die Marktkirche mit III Manualen, Pedal und 46 Registern (Disposition siehe Abbildung). Bei der Orgelweihe am 12.5.1850 berichtet D. Henrici über die Orgelprüfung und -abnahme durch drei Organisten, u.a. vom Magdeburger und Bremer Dom, und ihre Beurteilung:

    "Ihr einstimmiges, mit voller Überzeugung ausgesprochenes Urteil lautete sowohl über die künstlerische Technik des Innern der Orgel, als über die Zusammenstellung des Ganzen ... höchst günstig. Besonders in Hinsicht auf Rundung und Fülle des Tons hat es auffallende Vorzüge vor der vorigen Orgel, deren Ton bei aller Schönheit doch weicher und spitziger war. Die Spielart der Orgel ist leichter, als man bei einem Werke von so gewichtvollem Gehalt vermuten sollte, und das Unter-Manual ist beinahe ebenso leicht als ein Fortepiano zu spielen. Der Eindruck des vollen Werkes ... ist erschütternd und überwältigend, aber bei aller Kraft nicht verletzend und schreiend, sondern ansprechend, klar, würdevoll und erhaben. Mit Recht kann man daher dieses Werk für ein höchst gelungenes und mit einem parteilosen Sachkenner für das Beste des ganzen hannoverschen Königreichs erklären."

    Im Jahre 1940 erfolgte ein größerer Umbau der Engelhardt-Orgel. Das erklärte Ziel war es, sich damit klanglich und auch optisch wieder an die alte Sperling-Orgel anzulehnen. Ein Artikel der Goslarschen Zeitung vom 9.11.1940 zur Orgelweihe gibt uns Auskunft über diesen Umbau: Erstens sollte ein Rückpositiv geschaffen werden, "wie die alte Orgel es gehabt hatte und wie viele Barockorgeln es noch heute besitzen". Zweitens sollte der Toncharakter umgestaltet werden, "insofern, als weithin eine Rückkehr zu den Stimmen der alten Barockorgel angestrebt wurde, deren Disposition uns noch genau bekannt ist."
    Das neue Rückpositiv sollte auch im Äußeren an die alte Sperling-Orgel erinnern, da es wie vor dem Kirchenbrand an der Emporenbrüstung aufgestellt wurde und dadurch ein "altes Bild der Marktkirchen Orgel in neuer Form" darstellte.
    Die klangliche Umgestaltung wurde damit begründet, dass die "Kirchenorgel [...] weithin zur Konzertorgel geworden [war] und [...] dabei in Angleichung an die Instrumentalstimmen des Orchesters ihre arteigenen Klänge verloren [hatte]." Jetzt versuche man, "ihr das Verlorene zurückzugeben, also wieder arteigene Stimmen zu bauen, wie sie zu Zeiten Bachs gewesen waren".

    Die Erklärung der Goslarschen Zeitung, dass "diese Rückkehr zur Barockorgel nicht nur in diesem einen Falle durchgeführt" worden sei, "sondern ganz allgemein für das sachlich Gebotene erachtet" werde, zeigt, dass die Beweggründe für den Umbau der Engelhardt-Orgel im Zeitgeschmack der 1920/30er zu suchen sind: Es war der Beginn der sog. Zeit der Orgelbewegung, in der man sich von den romantischen Orgeln abwandte und sich an den Klang der Barockorgeln anlehnen wollte.

  5. Die Schuke-Orgel (seit 1970)


  6. Im Jahre 1970 wurde die Engelhardt-Orgel als nicht mehr zu restaurieren betrachtet und abgerissen. Bei der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke wurde eine neue Orgel in Auftrag gegeben und am Sonntag, den 18.10.1970 in einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht. Die Goslarsche Zeitung, die in einem Artikel vom 8.10.1970 die Einweihung der neuen Orgel ankündigte, schrieb: "Schukes Ideal ist nicht die gewaltig brausende Orgel, sondern die klare, silbrige Schönheit der einzelnen Register, die alle ihren spezifischen individuellen Klangcharakter haben, sich aber auch bei Registermischungen zu einem homogenen neuen Klang vereinigen". Hervorgehoben wurde auch der "funktionsbedingte architektonische Aufbau des Instruments", dessen räumliche Tiefe "durch rationelle Bauweise sehr gering gehalten" sei.
    Mit der neuen Orgel der Marktkirche hatte Professor Karl Schuke sein drittes großes Instrument in der Region aufgestellt; die beiden anderen stehen noch heute im Braunschweiger Dom und in der Wolfenbütteler Marienkirche.

Die Disposition der Engelhardt-Orgel

Pedal

Bordun 8'
Cello 8'
Violon 16'
Posaune 16'
Fagott 16'
Trompete 8'
Clarine 4'
Subbass 16'
Quinte 10 2/3'
Violon 32'
Principal 16'
Octave 8'
Octave 4'

Hauptwerk

Principal 16'
Hohlflöte 8'
Fugara 8'
Octave 4'
Octave 2'
Trompete 16'
Principal 8'
Bordun 16'
Gemshorn 8'
Bordun 32'
Gemshorn 4'
Mixtur VI 2'
Trompete 8'
Glocke


Brustwerk

Geigenprincipal 8'
Gedact 8'
Fernflöte 4'
Flautine 2'
Spitzflöte 8'
Salicet 8'
Octave 4'
Hoboe 8'

Oberwerk

Quintatön 16'
Gambe 8'
Doppelflöte 8'
Rohrflöte 4'
Waldflöte 2'
Quinte 2 2/3'
Octave 2'
Principal 8'
Flauto Travers 8'
Octave 4'
Quinte 2 2/3'
Mixtur IV 2'

Pedalkoppel
Manualkoppel
Oberwerk Ventil
Pedal Ventil
Hauptwerk Ventil
Brustwerk Ventil
Bass Centralkoppel
Discant Centralkoppel

Die Disposition der Schuke-Orgel

Pedal

Prinzipal 16'
Subbaß 16'
Oktave 8'
Gedackt 8'
Oktave 4'
Pommer 4'
Nachthorn 2'
Mixtur V 2'
Posaune 16'
Trompete 8'
Schalmai 4'

Hauptwerk

Quintadena 16'
Prinzipal 8'
Koppelflöte 8'
Oktave 4'
Gemshorn 4'
Nasat 2 2/3'
Oktave 2'
Mixtur V-VI 1 1/3'
Trompete 8'






Oberwerk

Gedackt 8'
Prinzipal 4'
Rohrflöte 4'
Oktave 2'
Waldflöte 2'
Quinte 1 1/3'
Sesquialtera II 1 3/5', 2 2/3'
Scharf IV 1'
Rankett 16'
Trichterregal 8'
Tremulant

Brustwerk (Schwellwerk)

Holzgedackt 8'
Blockflöte 4'
Prinzipal 2'
Sifflöte 1'
Terzian II 1 3/5', 1 1/3'
Zymbel II 1/2'
Krummhorn 8'
Tremulant

Zymbelstern,
vier freie Kobinationen,
Pedalkombinationen, OPL,
R. ab, 16' ab, Koppeln I/II, I/III,
II/III, I/P, II/P, III/P


Auftaktveranstaltung: Patenschaften zur Orgelrenovierung