GOSLAR. Mit einer Infoveranstaltung in der Marktkirche stellte die Marktgemeinde das Projekt der Orgelsanierung auf eine neue Stufe. Wurde bislang mit Benefizkonzerten und ersten Spenden bereits eine finanzielle Basis gelegt, wird nun die ganze Stadt um Unterstützung gebeten.
Propsteikantor Gerald de Vries demonstrierte den Klang der Pfeifen, für die "Patenschaften" übernommen werden können. Sie bleiben im Zuge der Restaurierung der vom Schimmelpilz befallenen Orgel erhalten, neue, romantische, kommen bei der Gelegenheit hinzu - mehr als 4000 werden es insgesamt sein, jede mit einem eigenen Klang.
Wer will, kann sich "seine" Pfeife sogar vorspielen lassen, die natürlich nicht in den Besitz des Spenders übergeht. Über die Patenschaften führt die Gemeinde Listen, zudem gibt sie Patenschaftsurkunden heraus.
Für 50 Euro kann die Patenschaft für eine kleine Pfeife, eine "frech Trillernde", übernommen werden, 100 Euro kosten die farbenreichen Klangkronen. "Mit denen machen sie ein Schnäppchen, das sind immer vier oder fünf auf einmal", pries de Vries diese Kategorie an.
Für 250 Euro gibt's dann die "deutliche Mitte", 500 Euro kosten die "hervorragenden Solisten", zum Beispiel die Krummhörner, 1000 Euro die "kraftvolle Tiefe", der Propsteikantor ließ es brummen, und die ganz dicken Dinger, die sichtbaren Prospektpfeifen, gibt es für 1500 Euro. Prominente Schirmherren haben sich bereiterklärt, die Sache zu unterstützen: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Landesbischof Dr. Friedrich Weber. Letzterer nahm an der Auftaktveranstaltung teil und versprach, auch eine Pfeife zu übernehmen: "Ich werde ihnen aber nicht verraten, welche", sagte er und schmunzelte.
Für die Landeskirche sei die Marktkirche in Goslar ein besonderes Gebäude, denn sie nehme eine zentrale Funktion wahr, meinte Weber. Als ihm die Schirmherrschaft angetragen worden sei, habe er genau überlegt, ob er "diesen Schirm tragen" wolle. Schließlich gehörten Schirmherrschaften nicht zu seinen Amtspflichten. Er habe sich mit Sigmar Gabriel beraten. Ergebnis: Das große Engagement aller Beteiligten mache es die Sache wert, darauf zu setzen. Dieses Engagement war auch in den weiteren Statements zu spüren.
Oberbürgermeister Henning Binnewies sprach von einer "starken Symbiose" zwischen Kirche und Stadt - beide profitierten voneinander. Jetzt sei die Stadtgemeinde gefordert, der Kirche zu helfen, die seit mehr als 850 Jahren den Mittelpunkt der Stadt ausmache: "Diese eine Kirchengemeinde ist mit dieser Aufgabe überfordert", machte Binnewies deutlich. Das ergibt sich schon aus der Summe: Für das Gesamtprojekt, das Sanierung, Um- und Ausbau umfasst, werden 350 000 bis 400 000 Euro veranschlagt, wovon die Kirchengemeinde laut de Vries nach Abzug der Förderung und der Sponsorengelder etwa ein Drittel selbst aufbringen muss; rund 20 000 Euro sind bereits im Topf.
Ist die Orgel erst umgebaut, gibt sie auch wieder den Blick auf die dahinter liegende Fensterrosette frei. Die Frage, warum diese überhaupt verbaut wurde, lenkt den Blick auf spannende historische Tatsachen: Viele Kirchen wurden gebaut, lange bevor es überhaupt Orgeln gab. In der alten Kaiserstadt trifft das auf alle Innenstadtkirchen zu. "Orgel- und Raumkonzepte passen nie zusammen, weil die Orgeln später kamen", erläutert de Vries. Die Chance, es 1970 beim Einbau der Schuke-Orgel anders zu machen, wurde aus Kostengründen vertan. Um das Licht wieder durchs Westwerk scheinen zu lassen, müssen die größten Pfeifen nach außen, die kleinen nach innen gesetzt werden.
Doch auch lange, nachdem es Orgeln gab, war ihr Einsatz in Kirchen noch umstritten, erzählte Liersch. Die Orgel, ein theologisches Problem: Noch in der Reformationszeit sei ihr Einsatz im Gottesdienst problematisch, die Musik von der Liturgie abgetrennt gewesen. Musik galt wohl als Vergnügen, nicht als geeigneter Ausdruck des Glaubens. Spätestens seit Johann Sebastian Bach wird das anders gesehen. Gottesdienste sind ohne Musik kaum mehr vorstellbar. Die Schirmherren des Goslarer Orgelprojekts halten das Instrument heute für unentbehrlich - mit ihm strahle die Kirche weit in die Region hinein, heißt es in einem Flyer, der in der Kirche ausliegt.
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